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quartalsplatten

der frühe vogel…

vielleicht vielversprechende Versuche, vertonte Verwandschaften zu visualisieren

Es hätte ein schönes Spielzeug für Musikliebhaber wie mich sein können: die Tuneglue musicmap. Eine kleine, flashige Anwendung, von der es heißt, man gäbe einen Bandnamen bzw. Interpreten ein und schon könne man sich per Maus durch ein Netzwerk von musikalischen Einflüssen und Verwandschaften klicken und den eigenen Horizont musikalischer Zusammenhänge im Pop-Kosmos erweitern.

Tuneglue sieht nett aus, spinnt seine Netze aber scheinbar willkürlich. Keine Direktverbindung: von Electronic zu The Smiths gehts nur über zwei Ecken.

Als ich vorhin davon lass, ist mir spontan Music Map des Hamburger Marek Gibney wieder eingefallen, das auch tatsächlich noch up&running ist. Bei meiner Erstbegegnung vor ein paar Jahren hab ich es mal intensiv gefüttert – und dann vergessen. Music Map sammelt seine Infos relativ umständlich durch händische Eingaben musikbegeisterter User und einem anschließenden Frage-Antwort-Spiel. Trotz des etwas beliebig wirkenden Vorgehens kommen am Ende oft schlüssige (wenn auch optitsch simple) Ausgaben mit vielen »benachbarten« Bands dabei raus, von denen manche auch tatsächlich sowohl musikalisch als auch auf anderen Ebenen in einem Zusammenhang stehen.  

Tuneglue vertraut stattdessen auf die Scrobbels der last.fm-User und gibt an, außerdem auch bei Amazon Daten abzugreifen. Man sollte meinen, da sollte nichts schief gehen, immerhin verfügen beide Dienste über einen großen Pool an user-generierten Kauf- und Hörvorlieben.

Allerdings wird schon bei last.fm viel und gerne beklagt, dass zu einem Bandprofil oft abseitige Bands als »similar artists« präsentiert werden (und naheliegende Interpreten erst unter ferner liefen erscheinen). Relevante Informationen wie personelle Übereinstimmungen, gemeinsames Label oder Produzenten, gemeinsame Projekte, Herkunft, Subkultur und Musikerfreundschaften sind schwer zu erfassen. Wenn solche Verbindungen angezeigt werden, dann by accident, weil sie sich im Hörverhalten der Fans – den Scrobbels – wiederspiegeln. Wenn nicht, fallen sie unter den Tisch. Hier ist Music-Map aber auch nicht besser.

Ein Beispiel: Die Band britische Band Electronic war ein Projekt von Bernhard Sumner (New Order), Johnny Marr (The Smiths) sowie teilweise Neil Tennant (Pet Shop Boys) und Karl Bartos (Kraftwerk). last.fm zählt momentan New Order und Pet Shop Boys an vorderster Stelle der ähnlichen Künstler auf, aber erst hinter NO-Sideprojekten wie Monaco und (sehr abwegig) The Other Two. Etwa 30 Plätze später findet sich das Solo-Projekt von Johnny Marr mit den Healers. Den Hinweis auf Marr’s Herkunfsbands The Smiths findet man etwa auf Platz 150, die – musikalisch betrachtet – dichter an Electronic dran sind als die Healers.

Das taugt höchstens für solche Aussagen wie »Electronic-Fans hören viel New Order und kaum The Smiths«. Dabei verbindet diese Band vom Background, dem Personal und von der Musik her einiges. Und siehe da: The Smiths liegen in der similar-artists-Liste von New Order auf Platz 14, umgekehrt sogar auf Platz 4. Zwischenfazit: simples Scrobblezählen rechtfertigt noch keine Betitelung als »ähnlicher Künstler«.

Beim guten alten Music-Map wabert eine schlichte Cloud mit - günstigenfalls - vielen sinnigen Links. Hier tauchen im Kosmos von Electronic die Schmitts auf.

Tuneglue baut nun aus diesen bedingt belastbaren Daten schöne Grafiken mit hohem Spaßfaktor aber leider nur begrenztem Informationswert. Die Zahl der Verzweigungen pro Künstler ist auf 9 begrenzt (Defaultwert: 6). Wo Music Map eine »Cloud« benachbarter Künstler liefert, ist bei Tuneglue alles ungefähr gleich weit beieinander (es sei denn, man tackert einige Bands fest). Electronic und The Smiths stehen in keiner direkten Beziehung miteinander, man muß sich via New Order und Joy Division durchklicken – Johnny Marr taucht als Solokünstler gar nicht auf. Dreht man den Spieß um und zeigt sich die Nachbarschaft von Johnny Marr an, kommt zwar Electronic auf den Radar, auch Neil Finn und das 7 Worlds Collide-Projekt – aber auch hier keine Schmitts. Morrissey könnte sowas natürlich nie passieren, aber der ist ja auch nicht so umtriebig. Gerechterweise erscheint weder bei New Order noch bei Electronic das aktuelle Projekt von Bernhard Sumner namens Bad Lieutennant. Peter Hook’s Freebass selbstverständlich auch nicht, wobei hier das böse Phänomen der namensgleichen Bands dazwischenfunkt. Das erklärt vll. auch, warum Tuneglue bei Freebass zwar Simon Le Bon (Duran Duran) herumirrlichtern lässt, aber weder Brücken zu den Bandmitgliedern Hook/New Order noch Andy Rourke/The Smiths geschlagen werden.

Tuneglue hat die klar bessere umfangreichere Datenbasis. Eine weitgehend unbekannte aber nicht wirklich unwichtige Band wie Jetzt! kennt Tuneglue und kann sie relativ zuverlässig in den Kontext von Fast Weltweit und deren Hamburger Exilfraktion stellen. Musicmap kennt Jetzt! nicht (ich arbeite dran^^). Johnny Marr schon, aber das KI weiss noch nicht, wo sie ihn hinsortieren soll. The Smiths tauchen bei Jetzt! beides mal nicht auf, obwohl man bei durchaus deren Einfluss hören kann, aber das wär dann doch wohl zuviel verlangt :wink:

Ans Geldverdienen denkt Tuneglue auch: farbige Nodes verweisen weiter zur offiziellen Künstlerwebseite und vermutlich sollte ein Klick auf »Releases« den Amazonen kaufwillige Musikstöberer in die Arme treiben, aber bislang verhallt der Klick folgenlos, zumindest hier.

Fazit: tragisches Unentschieden und kein Held in Sicht:

  • Tuneglue weiss viel, kann es aber nicht immer sinnvoll auf den Punkt bringen und unterschlägt so relevante Infos.
  • Musicmap haut alles auf den Schirm, kennt vieles, aber oft nicht genug.
  • Beide Systeme wissen eigentlich nicht, was sie tun, weil sie Erwartungen wecken, die nur bedingt erfüllbar sind.
  • Bei Musicmap ist es weniger tragisch, weil in Wolke oft was Richtiges schwebt.

Also: Tuneglue ist noch nicht der große Wurf.  Ist schon nicht ganz einfach, vielfältige Interdependenzen zu erkennen und nett animiert umzusetzen. Falls er ausbricht: don’t believe the Hype.

[Gefunden bei Redferret via 11k2]

Nachschlag?It’s war, she cried, It’s war, she cried (Soundtrack 1989) love, peace and harmony (Soundtrack 1989) There’s always something left to remind him… New orders for bad lieutenant Stützungskäufe #4 Höpen Air Bandcontest 2010 Stützungskäufe #3

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