Erst mit ein paar Tagen Verzögerung hab ich diese Worte° unseres KriegserklärungsVerteidigungsministers zur Kenntnis genommen:
Meine kleine Tochter, der ich meine Trauer zu erklären versuchte, fragte mich, ob die drei jungen Männer tapfere Helden seien, ob sie stolz auf sie sein dürfe. Ich habe beide Fragen, nicht politisch, sondern einfach mit ja beantwortet.
Der Mann ist clever.
Kinder gehen auch in der Politik immer. Privates öffentlich machen erhöht Sympathiewerte. Papa Guttenberg menschelt und trauert und wir sollen uns vorstellen, wie er unter Tränen seiner Tochter den Heldentod dreier Soldaten erklärt. Also drei Soldaten zu Helden erklärt. Und wir glauben ihm natürlich, dass er das überhaupt nicht politsch gemeint hat. Versteht ja seine Tochter noch nicht viel von.
Also, deutsche Jungs und Mädels: seid wieder stolz auf eure gefallenen Helden! Nehmt euch ein Vorbild an ihnen.
Oder was?
Bis vor ein paar Jahren hoffte man hier und da in den Kirchengemeinden des Landes, der unselige Volksttrauertag würde sich langsam aber sicher zu einer geriatrischen Veranstaltung entwickeln und im Laufe der Zeit von selbst erledigt haben. Die Heldengedenktafeln an die Gefallenen von Weltkrieg Eins, die in vielen Orten in Kirchen aufgestellt oder eingelassen wurden, könnten endlich verschwinden, damit wir nicht nur (um mal mit Micha 4 zu sprechen) den Krieg verlernen, sondern auch keinen Raum mehr für zweifelhafte Erinnerungskultur geben. Nie wieder Krieg, nie wieder Heldengedenken, nie wieder Kranzabwurfstellen.
Für die Übergangszeit wurden mancherorts andere Schwerpunkte gesetzt: ein Antikriegs-Gedenken. Ein Gedenken an die zivilen Opfer. Internationale Versöhnung der Kinder und Enkel an den Gräbern der Väter und Großväter. Und wenn schon Kränze für die Soldaten, dann auch einen Kranz und Erinnerung an die Opfer von Krieg und Terror, im hiesigen lokalen Fall zum Beispiel an die Toten der KZ-Züge auf der Heidebahn, deren Gräber sich unweit des Gefallenen-Mahnmals befinden.
Karl-Theodor zu Guttenberg gibt jetzt den neuen Trend vor: wir haben wieder kriegsähnliche Helden. Es werden nicht die letzten sein. Der Volkstrauertag wird wieder ihrer. Man darf auf die Ansprachen im November gespannt sein. Und bei jeder Trauerfeier vorher. Man wird gut hinhören müssen, wie diese Toten für welche Politik instrumentalisiert werden.
Unterdessen taucht gestern ein jovial-hemdsärmeliger Kriegsähnlichkeitsminister in Kunduz auf, enthüllt dort drei weitere Gedenktafeln und verspricht unter Applaus der Truppe mehr Kriegsgerät.
Böller statt Brot. Panzer statt Politik.
Nach acht Jahren Afghanistaneinsatz und hoffnungmachenden humanitären Ansätzen am Anfang fehlt nach wie vor ein transparentes und nachhaltiges Konzept. Man müßte eigentlich richtig viel Geld in die Hand nehmen. Man müßte einen Plan machen. Bildung, Gesundheit, Versorgung, Infrastruktur, Medien. Vielleicht sogar Care-Pakete und Studentenaustausch. Man müßte dafür werben und Mehrheiten gewinnen. Tut aber irgendwie keiner, oder überseh ich da was?
Trotz Hinkegefahr wage ich den heiklen Vergleich: wären die drei bis vier Siegermächte in Mitteleuropa nach 1945 so planlos vorgegangen wie es in Afghanistan den Anschein hat, gäbe es vermutlich in einzelnen Alpentälern oder den Weiten des Oderbruchs immer noch marodierende NS-Einheiten.
Der Taliban nicht so schnell Herr werden zu können wie gehofft ist das eine. Das man auch von offiziellen Seiten nicht mehr als Worthülsen zum zivilen Aufbau geliefert bekommt ist das eigentlich Erschreckende, weil das zeigt, wie sehr Sinn und Zweck der ganzen Aktion aus dem Blick geraten sind. Man könnte den Verdacht bekommen, das sei Absicht. Oder zumindest billigend in Kauf genommen. Was umso mehr die Frage brennen läßt, für was am Hindukusch eigentlich gestorben wird.
Wenn wir schon aus toten Soldaten Helden machen müssen, sollten wir die passenden Trauerlieder wieder ausgraben. Zum Beispiel dieses :
Marillion – Forgotten Sons (Part 2)
(Bei den doofen Bildchen bitte wegschauen, dafür stehen die Lyrics drunter. Als Alternative: Teil 1 live on stage, Teil 2 dazu selbersuchen)
°) Aus der Trauerrede von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg am 9. April 2010 in Selsingen (Landkreis ROW), die von vielen Medien als »ergreifend« bewertet wurde.
Nachschlag?
Keine Distanz
My God, I’m taking boys to war…
27. Januar – da war doch noch was…
Etwas mehr Ausstrahlung, bitte…
Seid ihr eigentlich alle verrückt?!
Nichts bleibt für die Ewigkeit
Wie man in den Wald hineinruft…

