Das halbrunde Gedenken zum 65. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung hat (zumindest in meiner Wahrnehmung, d.h. auch bei mir) mal wieder eine Opfergruppe aus dem Fokus geraten lassen, die bei solchen Anlässen gerne mal vergessen oder verdrängt wird.
Das Judentum ist leider infolge des Holocausts hierzulande kaum noch im Alltag präsent (jedenfalls in der Fläche nicht; in manchen großen Städten mag das anders aussehen) – ob dadurch das Gedenken einfacher fällt, weil man den Nachkommen der Opfer nicht täglich über den Weg läuft? Auch Sinti und Roma scheinen weit weg. Schwule und Lesben müssen sich – gottseidank – im Alltag meistens nicht mehr verstecken, ihre Diskriminierung ist letztlich aber immer noch nicht überwunden. Vielleicht stehen sie auch deshalb in der Holocaust-Erinnerungskultur – trotz eigenem Mahnmal – weiterhin eher am Rande.
Samstag ist ein guter Tag war vorgestern am Mahnmal und erinnert an die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus.
Als wir in Heideblüten-City vor einigen Jahren versuchten, mit viel Engagement sehr unterschiedlicher Leute ein Bürgerbündnis gegen lokale braune Umtriebe auf die Beine zu stellen, bließ uns zuweilen schon ein seltsamer Wind entgegen, der da hieß: wenn wir den Support vom Bürgermeister (CDU) haben wollen, dann muss das Bürgerbündnis sich gegen jede Form von politischen Extremismus positionieren: also auch gegen den von links. Nun war zu keinem Zeitpunkt zu erwarten, das marodierende Antifa-Horden die Stadt in Schutt und Asche legen würden. Im Gegensatz zu den Jungs von Rechtsaußen, bei denen man nicht zweimal fragen muß, um eine Party gesprengt oder menschenverachtendes Gedankengut praxisnah präsentiert zu bekommen. Ich und diverse andere haben das für eine seltsame, aber lokal begrenzte Einzelmeinung gehalten, die unsere Arbeit mit dem klaren Focus gegen Rechts ansonsten nicht beeinträchtigt hat.
Umso mehr gruselt mich, was ich grad von unserer neuen Bundesfamilienministerin Kristina Köhler (CDU) lesen mußte. Geht ja schon ne Weile in diese Richtung, aber das setzt für mich nochmal einen drauf:
Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend trägt das Programm für Demokratie, Vielfalt und Toleranz mit. Seit 2001 wurden durch das Programm unterschiedliche Projekte und Initiativen bei ihren Bemühungen für Demokratie und im Kampf gegen Rechtsextremismus unterstützt. Laut den Grünen plant die Ministerin jetzt aber für die neue Förderperiode ab 2011 Gespräche mit dem Bundesinnenministerium und Verfassungsschutz über eine Regelüberprüfung aller Initiativen zu führen.
Spannend dabei ist, dass…
a) … ganz klar die Botschaft mitschwingt, die seit einigen Wochen aus Berlin zu hören ist: im Zweifelsfall ist die Antifa genauso schlimm wie die Nazis. Oder sogar noch schlimmer (sieheDresden). Wer sich gegen Nazis wehrt, macht sich verdächtig, ein Extremist zu sein, schließlich hat er nicht nur ‘passiv’ eine Meinung, sondern geht auch noch aktiv gegen Andersdenkende vor. Da der (nicht mehr ganz so) neue, freundliche Faschismus auch äußerlich eher harmlos daherkommt, sind es natürlich die bösen Linken, die das bürgerliche Gesamtbild stören.
b) … unsere Initiative kürzlich doch glatt zweimal ein bisschen Geld für ihre erfolgreiche Arbeit einstreichen durfte. Von mehr oder weniger staatlichen Stellen. Wenn ich jetzt das hier lese…
Es sei gängige Praxis, dass Projekte und Initiativen im Falle einer staatlichen Förderung oder Auszeichnung vom Verfassungsschutz des Bundes und der Länder überprüft würden.
… kommt in mir ein leiser Verdacht auf. Man gibt einer Initiative eine Auszeichnung und etwas Cash dazu – und erwirbt sich somit das Recht, deren Aktive vorab auf ihre Verfassungstreue zu durchleuchten, sie sich ahnungslos über die Blumen und den Scheck freuen. In welchem Umfang da wohl gecheckt wird? Einerseits verständlich, dass man wissen will, wen man da sponsort, aber dass man da gleich den Verfassungsschutz bemühen muß? Ich spür grad so nen leichten Hauch von Überwachungs… Aber vielleicht zieht’s auch nur grad kalt von draussen rein.
Ob man mir daraus jetzt einen Strick drehen kann? Aufruf zur Gewalt? Nazis erschießen? Steht mein Server in Sachsen..?
Come on, mal abgesehen davon, dass ich den Kriegsdienst mit gutem Grund verweigert habe: das letzte, was die Rechten brauchen, sind Märtyrer. Für so clever darf man sogar Hardcore-Antifas halten. Außerdem hat das der WDR gesendet. Von meinen verfassungsgemäß gezahlten Gebühren. ^^ Und nachträglich zum Holocaust-Gedenktag sollte das doppelt ok gehen. Auschwitz wurde schließlich auch nicht durch Lovebombing befreit…
Ok, bis vor ner Stunde wusste ich noch nicht mal, dass es es sowas überhaupt gibt, aber warum soll es keine Flirt- und Partnerbörse für Nazis geben. Also nicht wundern, nur staunen. Zum Beispiel darüber, wie offen verfassungsfeindlich es da zugeht. Eine Fotostrecke auf CHILLI vom April 2009 (via) dokumentiert das recht ausführlich.
Dieser Tage ist in Berlin der 26C3 (aka der 26. Chaos Communication Congress) des Chaos Computer Clubs. Und man ahnt, da bleiben Defacements nicht aus: Admins, bringt eure Server in Sicherheit. Am besten alles gleich ausschalten und auf die Bäume flüchten.
Erstes (?) Opfer ist oben erwähnte Nazi-Partnerbörse. Im Wiki des 26C3 gibt es die Seite in Einzelteilen, u.a. die Datenbank und die populärsten Passwörter (sehr kreativ!). Bei F!XMBR und heise.de gibt es weitere Informationen, hier mag ich die Seite mit dem Hack nicht verlinken. Ein Datenschutz-GAU. Der Affe ist von der Startseite mittlerweile verschwunden, aktuell klafft da dein großes Loch und man kann in die Ordnerstruktur blicken.
Eine klammheimliche Freude überfällt einen hinterrücks, denn es hat ja die rechtsdrehende Zunft erwischt, auch wenn gar nicht klar ist, ob irgendwer mit den Daten irgendwas anfangen könnte (jedenfalls irgendetwas, das man nicht auch als registierter Nutzer anfangen könnte – die haben doch da wohl nicht ihre Wohnadressen eingetragen, oder?).
Seitdem vor einigen Jahren mal mein Webhoster Opfer eines CCCongress-Hacks geworden ist und diverse von mir betreute Seiten betroffen waren, ist mir bei solchen Aktionen immer etwas seltsam zumute. Lediglich die Startseite war damals zerschossen und mit einem kleinen Gruß versehen, der Rest noch intakt. Seit dem Zuck ich immer etwas, wenn zum Jahreswechsel vom Kongress berichtet wird, war damals ein ziemlicher Aufwand, aus dem Urlaub und fern eines benutzbaren PCs zu sehen, was überhaupt Sache ist und die Seiten zumindest grob zu flicken. Ein Schuss vor den Bug, ein fast noch freundlicher Hinweis, dass hier jemand mit der Sicherheit geschlampt hatte.
Aber man weiss ja: es gibt keine Sicherheit. Alles eine Frage, des Aufwandes, den jemand treiben will. Ob nun bei Flugzeugen oder Webservern. Serverlöcher nutzen, um Communitydaten zu spreaden? Man würde auch keine Boeing in die Luft sprengen, nur um zu zeigen, dass es möglich ist.