Eine CD-Lieferung aus UK spülte mir heute abend recht preiswert eine CD in die Finger, die zu den UK-Top10-Alben des Jahres 1991 gehört: »30 Something« von Carter The Unstoppable Sex Machine, gerne auch zu Carter USM verkürzt. Eine Mischung aus billigen Drumloops, Keys und Samples, Punk-Gitarren und einer Menge Wut im Bauch – als hätte man die frühen Pet Shop Boys mit The Clash zu einer Homerecording-Session in einem heruntergekommenen Londoner Stadtteil festgesetzt und Alien Sex Fiend für ne halbe Stunde zum Tee eingeladen. Im Kontext des aktuellen Elektro-Revivals sind sie vielleicht eine kleine Wiederentdeckung wert.
»Anyplace Anytime Anywhere« hat glücklicherweise nichts mit Nena zu tun. Eher mit einer Menge Alkohol und wie man ihn als Unterschichts-Brite zielgerichtet einsetzt, um sich gezielt der trostlosen Wirklichkeit zu entziehen: »Anyplace, anytime, anywhere there’s a wonderful world you can share«, egal ob mit Selbstgebrautem, Southern Comfort oder Mundwasser.
Der Spreeblick hat grad eines der Kleinode aus der Abteilung »80er Jahre Trashhits« ausgegraben. Sehr geil. Ich vermute, dass jener Song tatsächlich einen gewissen kulturhistorischen Impact gehabt hat: das zuvor von Schülern heißgeliebte, aber von Pädagogen und Eltern arg berümpfte Wort »geil« war dank Bruce & Bongo auf allen Volksfeste des Sommers präsent und somit schützenfestkompatibel. »Geil« war in der Mitte der Gesellschaft angekommen und die längste Zeit hippe Jugendsprache, lange vor »Geiz ist geil«.
Kommen wir nun zu einem anderen Kleinod, dass zu recht in Vergessenheit geraten ist. Zu meiner eigenen BelastungBelustigung Beschädigung (?) muß ich gestehen: ich bin stolzer Besitzer der 12Inch. Was Sven Väth aber für eine Entschuldigung hat, dieses Teil verzapft zu haben, weiss ich nicht… Baba baba.
»Disintegration ist das beste Album der Welt« (Kyle)
Natürlich dürfen The Cure in dieser Reihe nicht fehlen, obwohl sie IMHO 1989 schon knapp über ihrem Zenit waren. »Disintegration« war das Album, auf das wir alle gewartet haben, das mich dann aber doch vor allem enttäuscht hat. »Kiss me Kiss me Kiss me« von 1987 war ein unglaubliches Werk, vielfältig und eine Achterbahnfahrt der Gefühle: übermütige Popsongs (»Hot Hot Hot«, »Why can’t I be you«), manisch-depressive Teile (»The Kiss«, »Shiver and Shake«), sogar Lovesongs (»Just like Heaven«, »One More Time«) und ein trotziges ‘Trotzdem’ (»Fight«) als Abschluß. Dazwischen viele gute Songs, angenehm wenige Füller, zuviel für eine Vinylscheibe: ein Doppel-Album musste es sein, in knalligem Orange.
Im Vergleich dazu ist »Disintegration« ein recht homogenes Gebilde: sehr in Moll, ziemlich depri und musikalisch erschreckend gleichförmig. Ein ganzes Album für die Versöhnung mit den von »Kiss me…« verschreckten Schwarzkittel, die jetzt wieder einen Soundtrack hatten, um vom Weltschmerz gebeugt durchs Leben und über den Edelstahldancefloor im »Welcome« zu schlurfen. weiterlesen…
Ich hab mir ja echt nen Ohrwurm an La Roux’s »Bulletproof« gehört – und auch das Album dazu ist sehr anhörbar, maximal 3 Songs die wirklich nur “Durchschnitt” sind, der Rest locker drüber. Manchmal kratzt Elly Jackson stark am nördlichen Rand ihres Stimmumfangs, aber sie ist nun mal keine Alison Moyet. Der Vergleich zu Yazoo ist schon häufiger bemüht worden, er passt auch irgendwie, aber das Stimmvolumen von »Alf« ist nun mal etwas wuchtiger. Aber egal: weniger Soul kann manchmal auch mehr sein und La Roux fröhnen momentan ja eher den Kühlhaus-Soundwelten (auch wenn das beim nächsten Album angeblich anders werden soll). Daher liegt ‘gefühlt’ ein anderer Vergleich fast noch mehr auf der Hand: Durch die Songs von Anne Clark, der Königin des Spoken-Word-Synthpops wehte – zumindest in der Zeit, wo sie gemeinsame Sache mit David Harrow machte, also auch in den 80ern – ein ähnlich unterkühlter Wind.
Anyway: die frühen 80er sind mehr als zurück, man darf Synthpop wieder mögen. Und da der direkte Vergleich auf der Hand liegt, hab ich von Yazoo »Don’t go« ausgegraben. Ein schöner Song, ein loliges Video mit gutgelauntem Vince Clarke als Dr. Frankenstein und Graf Dracula, dazu noch Sklette, Monster, randalierende Ritterrüstungen – und Gummifledermaus. xD
[Video nach dem Klick, weil der Autostart sich nicht stoppen lassen will...] weiterlesen…
Man kann nicht sagen, man hätte nichts geahnt, gewusst oder gesagt bekommen. Man es vielleicht nicht geglaubt. Oder hören wollen. Dieser Song ist 20 Jahre alt. Klimawandel ist heute Popkultur, war aber damals schon in den Schlagzeilen, in den Charts und auf MTV – als dunkles Zukunftsgespenst. Heute sind wir ein paar Schritte weiter.
»Cut and move on
Cut and move on
Take out trees
Take out wildlife at a rate of species every single day
Take out people who’ve lived with this for 100,000 years
Inject a billion burgers worth of beef
Grain eaters – methane dispensers«
Was liegt nach dem vorherigen Post näher, als einen Song von Doolittle für diese kleine Reihe zu nehmen. Auch wenn es abgenudelt ist: »Monkey gone to heaven« – veröffentlicht im März 1989 – ist a must für dieses Jahr. In unserer Heidedorfdisco lief eigentlich auch nie ein anderer Pixies-Song, außer wenn vll. grad mal Indie-Night war.
“Schrott und Gott” sind angeblich die Themen des Songs, also Umwelt und irgendein spiritueller Bezug, aber man muß aus den Lyrics nicht unbedingt schlau werden. Mir hat das Zahlenspiel mit der biblischen Zahlensymbolik immer gefallen, auch wenn man daraus vermutlich keine Erkenntnis ziehen kann, die einem irgendwie besser durch den Tag helfen würde. Rock me, Joe…
BTW: Was sagt es eigentlich über die deutsche Wikipedia aus, dass man kaum Beiträge zu wichtigen Songs oder Alben in ihr findet? Hmpf.
Eine der Bands, die zu meiner Politisierung erheblich beigetragen haben, waren Latin Quarter. Ihr erstes Album “Modern Times” hab ich 1985 auf einem Schulausflug in Bremen erstanden, wo nach dem offziellen Teil noch ein Brinkmann Technikkaufhaus geentert wurde und die – nicht nur für Schüler aus einem Heidedorf – sehr gut sortierte Plattenabteilung mich und die Leute aus meiner Kleingruppe ertragen mußte. Wobei: ich glaub, eigentlich hatte die Platte ein Kumpel von mir gekauft, konnte die Platte aber nicht mit nach Hause nehmen, so dass ich sie auf Tape ziehen sollte und die Platte behalten konnte. Strange, so im Rückblick …
»Swimming against the Stream« erschien 1989° als erste Single zu ihrem dritten Album gleichen Namens. Von Latin Quarter durfte man das Anprangern von Mißständen und politischen Fehlentwicklungen erwarten, aber auf diesem Album war kaum noch Protest und die Wut, die Weltveränderung will, sondern Resignation darüber, dass man clevere Songs schreiben, sie auf Platten pressen und die Wahrheit laut herausbrüllen kann, but still: the world won’t listen. Und jene, die hörten und taten, waren auch nicht immer Grund zur Freude:
yet the anger draws more from frustration with creating, articulating and maintaining political movements that are anti-capitalist than from anger at a ‘world’ that somehow missed our genius (honestly!). And I really couldn’t keep on commenting on bleak political events, I began to feel like an ambulance chaser. (Mike Jones, 2005, bei der Katze mit Wut)
Im Frühjahr ’89 hab ich sie in Hannover live gesehen, in einem kleinen Laden, der AFAIR nicht annähernd voll war. Des Schwimmens gegen Strom müde und ohne den kommerziellen Durchbruch je geschafft zu haben, lösten sich Latin Quarter Anfang 1990 auf.
»State of Mind« war im Herbst das erste musikalsiche Lebenszeichen von Ex-Marillion-Frontman Fish nach der Trennung von seiner Band. Und als Marillion-Fan hab ich natürlich zeitnah die Single gekauft, die Mitte Oktober 1989 raus kam. Glaubt man der Wikipedia, handelt der Song von der Resignation in den Bürgerrechtsbewegungen der spätern Thatcher-Jahre. Spricht einiges für.
Aber in diesen Wochen waren meine Assos zu »We, the people…« ganz andere. War kaum möglich, da an etwas anderes zu denken als die »Wir sind das Volk«-Rufe der Montagsdemos in Leipzig, die seit September wöchtentlich stattfanden.
We the people want it straight for a change
‘Cause we the people are gettin’ tired of your games
If you insult us with cheap propaganda
We’ll elect a precedent to a state of mind
Erster! ^^ Ich wollte mal schnell diese unglaublich kreative Headline benutzen, bevor das morgen alle machen.
Die Frage »Wo warst DU eigentlich, als die Mauer fiel?« könnte super für ne Blogparade herhalten, aber es besteht die Gefahr, dass weite Teile der Blogosphäre nicht mitspielen dürften weil Ü30-Party. Was mir erschrenkend deutlich klar macht, dass ich… ähm, what’s my age again?
Hab vorhin ein paar Fotos ausgegraben und ein paar Zeilen geschrieben, die gibts dann passend zum Anlass morgen – falls nichts dazwischenkommt und der Scanner mitspielt.
Passend zu dem Ereignis, dass in wenigen Stunden eintreffen wird: ein kleines Liedchen aus dem Wendejahr. The Beloved sollten zwar erst 1990 ‘groß’ werden, aber The Sun Rising ist schon von 1989 und ein zeitlos netter Song, vor allem im chilligen “Gentle Night” Remix. Hier aber die normale Version:
1989/90 hat ne Menge guter Musik in die Player gespült und in den Jahren konnte ich es mir auch erlauben, einen großen Teil meiner Einkünfte dafür auszugeben. Mal schauen, was youtube etc. aus meinem persönlichen Soundtrack für das Wendejahr hergibt. Wird fortgesetzt…
3sat-Bauerfeind über die Anfänge von Techno im Niemandsland der Wiedervereinigung (via Kraftfuttermischwerk)
Dazu nochmal ausgegraben: »Ein Geheimzirkel erobert die Welt« über die Anfänge von Tekkno in Berlin. Muss allerdings einräumen, das damals vor allem vom Rande wahrgenommen zu haben und tatsächlich nur einmal im Tresor gewesen zu sein. Beeindruckend. Erinnerungen an handkopierte Tapes mit Marusha-Sendungen auf DT64, als sie noch nicht over the Rainbow war. Und so…
hallo echo…